Kreis.BLICK!

„Was ist typisch für den Impressionismus?“, fragt Kunstlehrer Jonas Deimel. In der 2. Bankreihe beginnt ein kleiner weißer Roboter grün zu blinken. Deimel ruft ihn auf. „Die Maler wollten nicht alles exakt darstellen, sondern nur den Eindruck eines Moments“, tönt es aus dem Lautsprecher des Avatars. Was futuristisch klingt, ist für die 9. Klasse der Staatlichen Realschule Dachau (RSD) längst normal geworden. Für Kathi bedeutet der Roboter gerade ein Stück Normalität. Denn die 14-Jährige sitzt nicht im Klassenzimmer. Sie liegt zu Hause im Bett. Ihr Avatar ist für sie derzeit die einzige Möglichkeit, am Schulalltag teilzunehmen. Nach einer Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus leidet Kathi am Chronischen Fatigue-Syndrom. Lange versuchte sie trotzdem noch, irgendwie in die Schule zu kommen. 1 Tag Unterricht bedeutete oft 2 Tage völlige Erschöpfung. Irgendwann schaffte sie nicht einmal mehr den Weg zum Auto. „Früher war jeden Morgen die gleiche Frage: Geht Schule heute oder nicht?“, erzählt ihre Mutter. Der Druck sei für die ganze Familie enorm gewesen. Über die Schulpsychologin und den Klassenlehrer erfuhr sie schließlich von der Möglichkeit eines Avatars. „Wir dachten sofort: Das wäre so schön, wenn sie trotzdem dabei sein könnte. Jetzt fällt die Entscheidung am frühen Morgen weg. Das entlastet unglaublich.“ Seit Ende April sitzt deshalb „Kathilisator“ im Klassenzimmer. Diesen Namen haben die Mitschülerinnen dem Avatar nach einer Chemiestunde über Katalysatoren gegeben. Er ist nur etwa 30 Zentimeter groß und wiegt rund 1,5 Kilogramm. Für Kathi ist er inzwischen aber viel mehr als Technik. Über ein Tablet steuert sie den kleinen Roboter von zu Hause aus. Sie kann zuhören, sprechen und den Kopf des Avatars drehen, fast so als ob sie sich selbst umdrehen würde. Sogar Stimmungen kann Kathi über die Augen des Avatars einstellen. Wenn es ihr nicht gut geht, schaltet sie ihn stumm. Dann leuchtet er rot. Das bedeutet „anwesend, aber bitte gerade nicht ansprechen“. Avatare für alle am Medienzentrum Die Realschule Dachau sammelt seit 4 Jahren Erfahrungen mit dieser Technik. Die Schule schaffte 2022 den ersten Avatar an und ermöglichte damit einem Schüler mit TouretteSyndrom den Schulabschluss. Inzwischen hat auch das Medienzentrum des Landkreises Dachau 2 Geräte angeschafft, die von allen Schulen im Landkreis ausgeliehen werden können. „Wenn Kinder oder Jugendliche über lange Zeit nicht zur Schule gehen können, hat das schwerwiegende Folgen“, erklärt Medienzentrumsleiterin Stephanie von Treyer. „Mit den Avataren schaffen wir für sie ein Stück Normalität. Die Schülerinnen und Schüler bleiben beim Lernstoff up to date und vor allem Teil ihrer Klassengemeinschaft.“ Gerade dieser Kontakt sei wichtig für die mentale Stabilität. Passend dazu trägt das Produkt auch den Namen „No Isolation“. Die Nachfrage ist groß, denn die Avatare können bei vielen Diagnosen eingesetzt werden, wie z. B. bei Long Covid, Autoimmunerkrankungen, Krebs, Transplantationen und anderen schweren Operationen. Auch bei manchen psychischen Erkrankungen kann ein Avatar sinnvoll sein. Ob der kleine Roboter zum Einsatz kommt, wird immer individuell entschieden. Wichtig ist vor allem, dass das Kind selbst diese Möglichkeit nutzen möchte und Familie sowie Schule dahinterstehen. Bei Kathi war die Entscheidung eindeutig. „Wir haben bei ihr und ihrer Familie gemerkt, wie wichtig ihnen diese Möglichkeit ist“, sagt Susanne Henke, Konrektorin an der RSD. „Damit ist der Avatar im Moment genau am richtigen Ort.“ Alles bleibt in der Klasse Datenschutz und Regeln spielen beim Einsatz des Avatars eine große Rolle. Er überträgt nur live, speichert nichts und erlaubt keine Fotos oder Screenshots. Zudem muss das Kind immer alleine im Raum sein. „Was in der Klasse gesprochen wird, bleibt somit in der Klasse“, betonen Stephanie von Treyer und Susanne Henke. Einfache Bedienung Für Schulen ist der Einsatz eines Avatars sehr einfach: zbeim Medienzentrum anfragen zeine Lehrkraft angeben, die sich an der Schule verantwortlich um das Thema kümmert zin der Klasse des Kindes 2 Schülerinnen und Schüler als Avatar-Betreuer auswählen zTablet für die Steuerung des Avatars bereitstellen: y App des Avatar-Herstellers installieren y Passwort zur Kopplung in der App eingeben y dem Kind/Jugendlichen zusammen mit dem Avatar übergeben ztägliche Aufladung des Avatars organisieren „Wichtig ist, Lehrkräfte, Mitschülerinnen und Mitschüler sowie deren Eltern von Anfang an einzubeziehen“, rät Susanne Henke. Dafür gibt es Tipps und Vorlagen auf dem Onlineportal des Avatar-Herstellers. Beim Kind zu Hause muss nur stabiles WLAN vorhanden sein, damit die Verbindung zum Avatar läuft. Die Bedienung über die App ist ohne zusätzliches technisches Wissen möglich. Schnell integriert Und dann kann es auch schon losgehen. Im Klassenzimmer dauerte die Eingewöhnung meist nur kurz. „Am Anfang war es seltsam“, erzählen Kathis Mitschülerinnen. „Aber man gewöhnt sich schnell daran.“ 2 Freundinnen holen den Avatar jeden Morgen im Sekretariat ab, verbinden ihn mit dem WLAN und nehmen ihn mit von Raum zu Raum. „Kathi gehört einfach dazu“, sagen sie, und manche drehen sich auch einfach mal um und ratschen zwischen den Stunden mit Kathi. Die Klasse freut sich schon auf die Exkursion in die Pinakothek. Auch da kann „Kathilisator“ mitkommen dank extra Rucksack und Sim-Karte. Kathi findet den Avatar toll, die Schule ersetzt er für sie aber trotzdem nicht. „Wenn ich könnte, würde ich jeden Tag direkt hingehen“, sagt sie. Ihr fehlen die Pausen, Gespräche zwischen den Stunden und der besser bestückte Pausenverkauf „als Mamas Küche“. Teilhabe dank Avatar Wenn „Kathilisator“ im Klassenzimmer sitzt Das Medienzentrum hat ein breites Angebot für Schulen, Kindergärten, gemeinnützige Vereine, Verbände und öffentliche Einrichtungen des Landkreises Dachau. zca. 600 didaktische Filme zum Streamen oder Downloaden, meist mit Arbeitsblättern und Aufgaben zTaskcards-Landkreislizenz ziPad-Verwaltung der Leihgeräte an den Schulen (neue Apps, Updates usw.) zPodcast-Studio zHardware (Auswahl): y Tablet- und iPad-Koffer mit mehreren Geräten y Avatare y Action Cam y 3D-Scanner y Greenscreen y Luka Leseeule y BeeBots y CodingBlocks y omBot y Rauchhaus y Photovoltaik-Lernspiel y 4 VR-Brillen mit verschiedenen Einsatzmöglichkeiten: • Dein erster Tag: Ausbildungsberufe in VR entdecken • Virtual Work Experience: Mitarbeiten in unterschiedlichen Bereichen mit Auswertung der Arbeitsergebnisse • Wiederbelebung in VR inkl. Wiederbelebungspuppen: mit Anleitung und Rückmeldung zu ausgeführten Wiederbelebungen. Nach Rücksprache können auch andere Lernanwendungen in VR installiert werden. Alle Angebote sind kostenfrei. Die Recherche ist über dah.medienzentrumonline.eu möglich. Adresse Steinstraße 3, 85221 Dachau in der Außenstelle des Josef-Effner-Gymnasiums, Erdgeschoss, Zimmer 04 Öffnungszeiten Montag, 11.00–16.00 Uhr und nach Vereinbarung Bitte beachten Sie: Das Medienzentrum ist nur an Schultagen geöffnet. Kontakt: medienzentrum@lra-dah.bayern.de Medienzentrum Ob Mathe, Kunst, Chemie oder eine Exkursion – über einen Avatar können Kinder mit langfristigen Erkrankungen am Schulalltag teilnehmen. Fast noch wichtiger als der Unterricht ist dabei oft der Kontakt zur Klasse. 17 16 Kreis.BLICK! — Juni 2026 Bildung/Schulen

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