Kreis.BLICK!

Durch Sonne und Wind Die Erde ist voller Risse, Pflanzen sind kaum mehr zu finden, das Dachauer Moos ist ausgetrocknet, die Bewohner:innen des Landkreises schon länger nach Skandinavien ausgewandert – das klingt wie aus einem Science-Fiction-Film. Im Landkreis Dachau war die Jahresmitteltemperatur in 2018 aber tatsächlich bereits 2,7 °C höher als sonst. Wenn wir also nicht alle zusammen sofort handeln, wird das Szenario möglicherweise in einigen Jahrzehnten Realität sein, schilderte Professor Michael Sterner beim Bürgerdialog zum Thema Klimaschutz. Er weiß, wovon er spricht, denn als Professor für Energiespeicher an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg und Mitautor des Weltklimaberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ist er Experte auf diesemGebiet. SeinVortrag beimBürgerdialog war so anschaulich wie eindringlich (siehe www.buergerdialog-dachau.de Nachlese). Millionen Flüchtlinge und hohe Kosten durch die Erderwärmung Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen, wird es auf der Erde immer weniger Lebensraum geben. Die Weltbank rechnet dadurch mit über 140 Mio. Klimaflüchtlingen bis 2050. Kriege um Öl und Gas werden die Lage weltweit unsicherer machen, wie uns die aktuelle Lage in Europa zeigt. Die Folgen der Erderwärmung sind bereits jetzt deutlich spürbar. Auch in Deutschland haben Hitzewellen, Starkregen und Stürme schon vielen Menschen das Leben gekostet, hohe Sachschäden verursacht und die Wirtschaftskraft unseres Landes zumindest vorübergehend verringert. Betrachtet man allein die Auswirkungen der Flutkatastrophe von 2021, so ist offensichtlich: Alles andere als Klimaschutz ist wesentlich teurer. Erneuerbare Energien verstärkt nutzen Wir sind alle gefordert, den CO2-Ausstoß und damit unseren Verbrauch an Heizöl, Erdgas, Kohle, Diesel und Benzin zu reduzieren. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Ausbau der erneuerbaren Energien. Dadurch ergibt sich für Deutschland, das selbst nur Kohle und etwas Erdgas als fossile Energieträger hat, ein weiterer Vorteil: Wir werden unabhängiger von ausländischem Öl und Gas. Bereits jetzt sind erneuerbare Energien zum entscheidenden Standortfaktor geworden. Denn große Unternehmen siedeln sich dort an, wo sie viele Wind- und Solarparks vorfinden und damit CO2-neutral produzieren können. Intel und Tesla haben es vorgemacht. Damit die Wirtschaftskraft in Bayern erhalten bleibt, ist es dringend notwendig, die Energiegewinnung aus Wind und Sonne deutlich auszubauen. Aufgrund des Klimas in Bayern sind diese beiden die perfekte Kombination: In den Sommermonaten haben wir viel Sonnenschein und in den Wintermonaten viel Wind. So kann über das Jahr hinweg in etwa immer gleich viel Energie produziert werden. Sonnenenergie Photovoltaikanlagen wandeln die Strahlen der Sonne in Strom um. Selbst wenn die Sonne hinter den Wolken ist, erzeugen sie Strom. Dies ist auf nahezu jedem Dach möglich, egal ob privates Wohnhaus, Bürogebäude oder öffentliche Gebäude, selbst auf denkmalgeschützten Bauten. Im besten Fall produziert in ein paar Jahren jeder selbst den Strom, den er braucht. Auch große Solarparks sind sinnvoll. 1 ha mit Photovoltaikanlagen ersetzt 40 ha Fläche mit Mais für die Biogasgewinnung. In Solarpark-Biotopen können sogar Artenschutz und Energiegewinnung verbunden werden: Dort wachsen zwischen den Solarflächen heimische Pflanzen und bieten einen Rückzugsort für Wild- und Honigbienen und viele andere Tiere. Windenergie Treibt der Wind die Rotorblätter eines Windrads an, so wird über einen Generator ähnlich wie beim Fahrrad Strom erzeugt. In Bayern stehen erst wenige Windräder, da in 2014 die 10-H-Abstandsregel eingeführt wurde. Diese sieht einen Mindestabstand vom 10-Fachen der Windradhöhe zu Wohngebäuden vor. In der Praxis bedeutet das circa 2 Kilometer und damit das Aus für Windräder in 98 % der Fläche des Freistaats. Ein breites Bündnis aus Parteien, Wirtschaftsverbänden, Landjugend und sogar Verbänden Bisher wird im Landkreis Dachau noch wenig Energie mit Windrädern und Photovoltaikanlagen gewonnen. Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, muss sich das ändern, denn Unternehmen siedeln sich zunehmend dort an, wo sie mit erneuerbaren Energien CO2-neutral produzieren können. im Bereich Natur- und Tierschutz sind inzwischen aber gegen eine 10-H-Regel. Lesen Sie unten im Kurzinterview mit Professor Sterner, warum Gesundheit und Vögel durch Windräder nicht gefährdet sind. Jeder kann etwas tun Viele notwendige Veränderungen für den Klimaschutz müssen von der Politik auf Landes- und Bundesebene oder von der Industrie vorangebracht werden. Jeder von uns kann aber seinen Beitrag tagtäglich leisten, indem er oder sie z.B. Energie spart durch Radeln statt Autofahren oder durch das Nutzen elektrischer Geräte, die besonders wenig Energie verbrauchen (mindestens Energieeffizienz A). In jeder Ausgabe des Kreis.BLICK! geben wir Ihnen in der Rubrik „Miteinander für die Zukunft“ Nachhaltigkeitstipps zu einem Schwerpunktthema, z.B. beim Essen, beim Putzen, beim Heizen, beim Abfall. Blättern Sie doch mal nach unter www.kreisblick.de! Das ist nur ein sehr kleiner Beitrag des Landkreises zum Thema Klimaschutz. Obwohl dies keine Pflichtaufgabe ist, sind wir dennoch freiwillig und auf eigene Kosten sehr engagiert: E-Autos, Fahrräder und E-Roller stehen als Dienstfahrzeuge zur Verfügung. Bauen wir neue Gebäude, so achten wir z.B. besonders auf die Energiestandards und nachhaltige Baustoffe. Unsere Klimaschutzbeauftragte kümmert sich beispielsweise um das Stadtradeln, die Energieberatung und den jährlichen Energiepreis. Seit Kurzem wird jede Vorlage für die Kreisgremien anhand fester Kriterien auf ihre Folgen für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft überprüft. Landrat Löwl freut sich sehr über die Neuerung: „Nachhaltigkeitskriterien sind ein wichtiges Instrument, um verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Es ist wichtig, dass wir bei allem, was wir tun, an die Folgen für die Zukunft denken. So ist das auch bei der Energiegewinnung. Wind und Sonne sind kostenlos. Wir sollten dieses Geschenk nutzen. Manche stört die Optik, aber ist es nicht besser, auf eine Photovoltaikanlage oder ein Windrad zu schauen, als plötzlich wegen einer Krise im Ausland kein Gas und Öl mehr zu haben? Und wegen des Klimaschutzes führt ohnehin kein Weg daran vorbei.“ Die wichtigsten Schritte für den Klimaschutz: 1. Erneuerbare Energien ausbauen 2. Netze und Speicher ausbauen 3. Gebäude dämmen, Heizungen erneuern 4. E-Mobilität und Wasserstoff ausbauen 5. Industrie klimaneutral machen 6. Politische Rahmenbedingungen zugunsten des Klimaschutzes verändern Quelle: Vortrag Professor Michael Sterner beim Bürgerdialog am 30.3.2022 19 18 Kreis.BLICK! — Juli 2022 Klimaschutz/Nachhaltigkeit Schaden Windräder unserer Gesundheit? Infraschall ist fast überall. Im Meeresrauschen, im Wind, aber auch in den Geräuschen von z.B. Straßenverkehr oder Wärmepumpen. Durch das Drehen der Rotorblätter eines Windrads entsteht ebenfalls Infraschall. Diesen können wir Menschen nicht hören und er ist viel zu schwach, um Zellen zu schädigen. So ist z.B. der Schall im Innenraum eines Autos, das 120 km/h fährt, 4 Mal höher als von einem Windrad, das 300 m entfernt ist. Bei 700 m Abstand ist in Messungen der Infraschall von Windrädern nicht mehr von dem des natürlichen Winds zu unterscheiden. Die 10-H-Regelung wurde 2014 in Bayern eingeführt, um die Bürgerinnen und Bürger angeblich vor Gefahren zu schützen. Die Bayerische Regierung stützte sich dabei auf eine Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe aus dem Jahr 2005. Diese hatte aber einen Fehler, die Lautstärke wurde 36 Dezibel zu hoch berechnet. Dadurch wurde die Schallleistung um den Faktor 4.000 zu hoch angesetzt und der Schalldruck um den Faktor 63. Die Einschätzung, dass Windräder der Gesundheit schaden könnten, basierte also auf einem Rechenfehler. Gefährden Windräder den Vogelbestand? Grundsätzlich können Vögel gegen die Rotorblätter f liegen und dabei sterben. Wir müssen aber keine Angst haben, dass es deswegen bald keine Vögel mehr gibt. Andere Einf lüsse des Menschen sind wesentlich fataler. So sterben an Glasf lächen jährlich circa 120 Mio. Vögel, durch Katzen 100 Mio., durch Autos 70 Mio., durch Windräder maximal 100.000. Auch diese Zahl wird sich in Zukunft noch reduzieren durch neue Techniken, die Vögel beim Anf lug erkennen und dann das Windrad rechtzeitig abschalten. Diese Technik ist seit Jahren in Europa im Einsatz, in Deutschland wird sie seit 4 Jahren auf Zulassung geprüft. Interview mit Prof. Michael Sterner: Faktencheck Windkraft Prof. Michael Sterner

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